Im Gespräch mit Jürgen Schmidt- Hillebrand

Mit Jürgen Schmidt-Hillebrand begeben Sie sich stets auf eine Forschungsreise. Veränderung und Hürden sieht er als Chance für Einflussnahme und Gestaltung, Entwicklung und Neubeginn. Seine Arbeitsweise beruht auf gegenseitigem Vertrauen, Respekt und Wertschätzung.

Ab Mai 2023 bietet er im Alanus Werkhaus die Weiterbildung »Mentor für persönliche Entwicklung« an.


Lieber Jürgen, erinnerst du dich noch an den ersten Tag am Alanus Werkhaus? Wie hast du ihn erlebt?

Ihr hattet mich gebeten, einen Teamprozess zu moderieren. Für mich war es ein besonderer Tag, dort auf dem Johannishof die Atmosphäre zu erleben. Auch die Räumlichkeiten, in denen man die Kunst sieht, förmlich spürt. Ich erinnere mich noch an einen Schauspielstudenten, der vorsichhingehend seinen Text geübt hat. Das hat mich total berührt. Auch der Raum, den wir gestaltet haben, um dort als Team miteinander zu arbeiten, war besonders. Vorher hatte dort der Mappenkurs stattgefunden und auf den Tischen waren noch die Spuren sichtbar. Das alles gehört zu dieser Atmosphäre, der Weite des Raums. Dieser »Genius loci«. Ein besonderer Ort, ein besonderer Raum für besondere Prozesse. Mich hat das total gefreut. Ich habe mich sehr eingeladen gefühlt.


Was macht für dich das Alanus Werkhaus aus, was macht es für dich besonders?

Es ist die Einzigartigkeit, die sich mir zeigt. Das Werkhaus hat ja ein breites Angebot mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen. Ein Angebot, das einerseits punktuell etwas aufnimmt in Kursen, die zwei bis drei Tage dauern. Zum anderen gibt es Prozessangebote. Dahinter erkennt man den Bildungsgedanken, also die Art und Weise, wie Bildung und Weiterbildung gesehen wird. Dass Entwicklung prozesshafter Natur ist, dass es dauert. Das gilt zum Beispiel für das »Jahr für die Kunst«. Aber auch für andere Kurse, die über einen längeren Zeitraum gehen und der Gruppe die Möglichkeit geben, etwas zu entwickeln, etwas für sich zu gestalten.

Besonders ist auch der Ort. Die Räume selber, aber auch der Ort mit der Natur und mit der Kunst. Für mich ist es schön, in den Pausen entweder in der Cafeteria draußen zu sitzen oder ein paar Schritte zu gehen und diesen Blick in die Weite zu erleben. Dieser Ort bringt einen in eine Form von innerer Stille, in eine ganz besondere Resonanzfähigkeit. Man kann andere Wesensanteile von sich selber entdecken oder wieder Kontakt aufnehmen, weil der Ort dazu einlädt. Für mich ist Natur und Kunst Nahrung für die Seele.


Gibt es einen Lieblingsplatz für dich am Johannishof?

Es gibt einen Ort, der mir sofort ins innere Bild kommt. Wenn man zu den Seminarräumen nach unten geht. Da gibt es einen kleinen Austritt, wo noch ein Häuschen daneben steht. In diesem kleinen Atrium stehen meist ein oder zwei kleine Kunstwerke. Es ist beim Hineingehen in die Seminarräume ein Platz, wo es „Ping“ macht, eine Inspirationsquelle.


»Mit Kunst neue Perspektiven eröffnen« – das ist unser Slogan, unser Selbstverständnis. Was bedeutet dieser Satz für dich?

Wir sind durch unsere Sozialisation und durch unsere Tätigkeit gewohnt, in bestimmten Blickwinkeln zu schauen. Wir betrachten die Dinge, das Leben, Ereignisse in einer gelernten Gewohnheit. Diese Gewohnheit macht man sich oftmals gar nicht bewusst, sondern man hat sie, fast unbewusst, als eingeübte Attitüde.

Neue Perspektiven entwickeln heißt, ich brauche zunächst mal Impulse, die mich innehalten lassen. Die mich vielleicht auch irritieren, die mir Fragen stellen und die mich locken. Genau das schafft Kunst. Sie schafft ja die Möglichkeit, mich zu irritieren. Wenn eine Installation mich irritiert und ich mich frage: Was ist damit gemeint? Warum ist das so gemacht? Wie ist das gestaltet? Oder ein Stein, der in einer besonderen Weise bearbeitet worden ist? Oder ein Metall? Oder ein Bild? Ich denke, das ist genau die Aufgabe von Kunst. Sie erweckt in mir Fragen, erweckt in mir Beobachtungen, Erlebnisse. Es ist ja auch ein inneres Kunstlerleben, eine Begegnung mit der Schönheit. Und die Frage, die sich daraus stellt, ist ja, wo kann ich die Schönheit in mein ganz alltägliches Leben übertragen?

Noch entscheidender ist, dass ich auch nach innen, in meine eigene Seele, in meinen eigenen Geist gucke und überlege, was macht denn diese Kunst mit mir? Warum reagiere ich auf dieses Kunstwerk in jener Weise? Warum entsteht genau das?


Schlagen wir den Bogen zu deinem Kurs »Mentor:in für persönliche Entwicklung«. Wo findet sich dieses künstlerische, kreative Denken in deinem Kurs wieder?

Wir kommen da zu einer interessanten Frage. Wie ist Kunst definiert. Der Grundgedanke, den ich im Werkhaus immer wieder erlebe, ist, den Kunstbegriff neu zu denken, neu zu fühlen. Also, was ist ein künstlerisches Schaffen? 

In meinem Kurs sehe ich zwei wesentliche künstlerische Elemente: Das eine ist das „Journaling“, also die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle, Ereignisse, Entscheidungen, Reflexionen in der eigenen schriftlichen Sprache, wenn es irgendwie geht, sogar handschriftlich, zu notieren. Es geht darum, das Innere so zu erwecken, dass es auf das Äußere reagiert, man sich gleichzeitig bewusst wird und über das Schreiben das Bewusstsein klärt.

Das zweite, das ist die innere Bilderwelt. Wir Menschen haben eine besondere Gabe, die allerdings nur sehr eingeschränkt ausgebildet wird bzw. als nützlich gilt. Es ist die Vorstellungskraft. Ich kann mir nach innen ein Bild machen von den Dingen. Ich kann mit den inneren Bildern, die entstehen, auf äußere Ereignisse reagieren. Ich kann mit den inneren Bildern wie im Traum eine Brücke bauen zum Unbewussten. Freud sagt, der Traum ist eine der bekanntesten Brücken zum Unbewussten. Im Traum haben wir Zugang zu Bildern. Dieser Zugang zu Bildern, der lässt sich auch in einem Nichtschlaf oder -traum erzeugen, in dem wir in eine Entspannung gehen und dieser Bilderwelt einfach Raum geben. Was für Bilder entstehen, welche Assoziationsketten entstehen und was imaginieren wir in diesem Augenblick? Diese Symbole, die entstehen, haben oftmals eine Bedeutung. Das Arbeiten mit Bildern und Symbolen hat eine besondere Bedeutung auch für den eigenen Entwicklungsprozess. 

Wenn ich jetzt noch ein Drittes dazu geben darf, wird das möglicherweise ein Schmunzeln erzeugen. Für mich ist auch die der Dialog, der gute Dialog eine Kunstform. Der Dialog ist für mich die Meisterklasse des Kommunizierens. Kommunizieren bedeutet Gemeinschaft herstellen und der Dialog lädt ein, diese Gemeinschaft zu einer gemeinsamen Reflexion, zu einer gemeinsamen Betrachtung zu bringen, um Erkenntnisse zu sammeln, Erfahrungen auszutauschen, auf bestimmte Dinge sich gegenseitig aufmerksam zu machen, aber auch, um ein Wissen zu erschließen. Und dieses dialogische Element ist das zentrale Element in der gesamten Weiterbildung.


Du hast viele Aspekte genannt, die das Werkhaus für dich besonders und einzigartig machen. Inwiefern haben Alanus und der Johannishof dich geprägt?

Es ist in mir eine Sehnsucht gewesen, einen Ort zu finden, wo ich als Moderator, Impulsgeber oder Lernbegleiter einen Gruppenprozess aufbauen in einem guten Setting, an einem guten Ort gestalten kann. Diese Sehnsucht wird am Werkhaus gut gestillt. Das zweite ist, eben auch in dieser Weise arbeiten zu können. Diese unterschiedlichen Perspektiven einzubeziehen, die Kunst als eine bedeutende Kraft zu sehen und sie auch in die Gestaltung von Weiterbildung einzubeziehen. Dabei aber keinen engen Kunstbegriff zu haben, sondern die Kunst wirklich zu sehen als eine seelische Dimension, die überall möglich ist. Das hat mich schon geprägt und hat mich eingeladen, dort auch das Angebot zu machen. Und ich freue mich, dass das in der Weise auch möglich war. Es prägt mich sehr, dass das ein Ort gibt, wo das völlig okay ist.
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Jürgen Schmidt-Hillebrand ist Coach, Organisationsentwickler und seit vielen Jahren Dozent am Alanus Werkhaus. Er bietet Systemische Team- & Organisationsentwicklung und psychodynamisches Coaching an. In Brühl bei Köln betreibt er eine Praxis für persönliche Entwicklung.

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