Liebe Anne, wie schön, wir treffen uns heute schon zum zweiten Mal zu einem Gespräch. Du bist Künstlerin UND künstlerische Prozessbegleiterin. Klingt spannend. Viele Menschen hören Künstlerische Prozessbegleitung zum ersten Mal – was antwortest du, wenn jemand auf einer Party frage „Was ist das eigentlich?“
Ich werde das sehr häufig gefragt. Ich antworte dann gerne, dass man Kunst mit Leuten macht, die damit erst mal gar nichts zu tun haben müssen, gar keine Erfahrungen oder Ambitionen mit Kunst haben. Wichtig ist, dass es für jeden zugänglich ist, Spaß macht und auch erfolgreich ist. In Lernprozessen wie bei der Weiterbildung zum Handelsfachwirt gehen wir immer von einer bestimmten Frage aus und dann malt man mit bestimmten Rahmenbedingungen ein Bild oder erhält eine Aufgabenstellung, die jeder schaffen kann. In meinem Fall als bildende Künstlerin findet das mit Farbe oder mit Papier statt, auf jeden Fall mit etwas, das man in die Hand nimmt. So ist immer ein „Mitspieler“ dabei, eben ein Material aus der bildenden Kunst. Nach dem künstlerischen Arbeiten schaut man sich dann diese Fragestellung vom Anfang wieder an. Das ist die Klammer für den Erfahrungsprozess. Man fängt bei einem Problem an, verlässt das Problem im künstlerischen Arbeiten und guckt im Anschluss gemeinsam drauf und reflektiert das, was entstanden ist; und auch, wie es entstanden ist. Interessant sind dann die Unterschiede, aber auch die Ähnlichkeiten zum Alltag: Was kann ich mitnehmen? Was irritiert mich vielleicht zunächst? Was habe ich an mir neu entdeckt im Künstlerischen und kann es in meinen Arbeitsalltag mitnehmen?
In unserer Weiterbildung zum Handelsfachwirt gehören die Kunstmodule seit fast 20 Jahren zum Curriculum. Zusammen mit Ulrike hast du das Konzept weiterentwickelt. Warum ist die künstlerische Erfahrung so hilfreich für die Herausforderungen als Führungskraft im Handel?
Den jungen Führungskräften begegnen im Arbeitsleben häufig Herausforderungen, die sie nicht vorplanen konnten. Sie stehen im Markt und dann kommt es, das wäre jetzt sehr drastisch, aber zum Beispiel kommt es zum Lieferkettenzusammenbruch. Oder ein Randalierer ist im Laden oder einfach nur ein unfreundlicher Kunde. Dann ist es hilfreich, wenn man als Führungskraft nicht in Panik gerät, sondern handlungsfähig bleibt. Und genau das üben wir in diesem sicheren Rahmen, den wir im Kunstmodul bieten. Die Teilnehmenden werden mit etwas konfrontiert, was sie nicht vorhergesehen haben. Sie sollen zum Beispiel aus Papier etwas formen, das mit einem Thema aus dem Beruf zu tun hat. Und dann denkt man so: "Ja, wie soll ich das machen? Ach, ich darf noch nicht mal ein bekanntes Symbol benutzen?" Es gibt kein Lehrbuch. Man muss stressresistent sein und überlegen: "Ah, wie kann ich jetzt hier trotzdem kreativ werden und eine gute Lösung finden?" Und genauso ist es auch im Job. Man sollte ruhig zu bleiben und überlegen, was man machen kann. Im Kunstmodul können die Teilnehmenden alles ausprobieren. Sie können auch sagen: '"Ich find das richtig *******, ich möchte das eigentlich nicht." oder auch "Ich trete zurück, ich mache das nicht." Also sie haben bei uns wirklich die Wahl. Das heißt, es ist ein sicherer Raum, in dem alles ausprobiert werden kann. Auch zum Beispiel das Nichthandeln. Das ist das Tolle im Künstlerischen, dass man im Grunde alles darf. Und man kann im Anschluss analysieren, was es bedeutet. Was kann ich mitnehmen? Welche Stärken konnte ich aktivieren? Wie habe ich gehandelt? An welche Situation aus dem Arbeitsleben erinnert mich das, und wie verknüpfe ich diese Erfahrungen miteinander? Es ist toll, wenn man auf einmal Fähigkeiten in sich entdeckt, von denen man vorher nichts wusste.
Was passiert in einer KüPro genau? Wie sieht eine typische Übung aus zum Beispiel im Kunstmodul der Weiterbildung?
Es gibt eine schöne interaktive Malübung. Zu Beginn wärmen wir das Thema Kommunikation an: Was verbinde ich mit dem Wort Kommunikation? Was bedeutet das für mich? Auch für mich als Führungskraft? Danach beginnt die Dezentrierung: Jede:r hat ein Blatt und Farben und alles zur Verfügung, was er oder sie braucht. Und dann wird zu zweit interaktiv gemalt. Wichtig ist, dass das Malen wirklich in abstrakter Form passiert, das heißt, man darf keine gewohnten Symbole verwenden. Stattdessen soll man Flächen und Formen setzen, die einem einfallen. Und dann geht es darum, dass man mit der Zeit auch das ganze Blatt nutzt, also ineinander malt und dabei die gesamte Kommunikation über Pinsel und Farbe passiert und gar nicht gesprochen wird. Zwischendurch werfe ich etwas ein, zum Beispiel, dass sie sich tatsächlich auch trauen sollen, mal die Führung zu übernehmen. Und dabei beobachten, was macht der andere, wenn ich etwas übermale. Irgendwann ist das Blatt ja voll, dann muss man eine Lösung finden und gucken, wie kriegen wir das hin. Die Aufgabe ist, dass ein kongruentes gemeinsames Bild entsteht. Und sie sollen malerisch austesten, was dafür nötig ist.
Klingt auch herausfordernd. Wie reagieren die TeilnehmerInnen darauf?
Manche sind zaghaft. Dann ermutige ich sie und sage: „Traut euch auf die andere Bildseite zu gehen, traut euch etwas durchzustreichen, zu übermalen, mit eurer Farbe ganz viel Raum einzunehmen."
Das kann unter Umständen auch konflikthaft werden. Wie fühlt sich das an, wenn der andere in mein Bild malt? Wie reagiere ich? Wie bin ich denn eigentlich, das ist die eine Seite, also in die Wahrnehmung von sich selbst zu kommen. Und wie könnte ich noch sein, was tue ich sonst nicht, was könnte ich heute probieren? Das ist die andere Seite. Man kann hier auch mal provozieren oder eben mehr Raum einnehmen, als man das sonst machen würde. Im Anschluss wird reflektiert, was die Teilnehmenden über sich selbst und über Kommunikation gelernt haben.
Was verändert sich bei den Teilnehmenden durch die Arbeit mit den Kunstmodulen? – Was ist wahrnehmbar anders als vor so einem Prozess? Was z.B. berührt dich immer wieder?
Es berührt mich jedes Mal, wenn ich merke, dass die Teilnehmenden anders auf sich selbst aufmerksam werden. Im letzten Kurs haben wir verschiedene Übungen gemacht und haben dann alle in eine Pause geschickt, die auf Resilienz ausgerichtet war. Die Frage dahinter war, was nehme ich wirklich aus einer Pause mit, wenn ich gar keine Ablenkung habe? Wenn ich mich wirklich spüre, zum Beispiel in der Natur? Und das ungefähr eine halbe Stunde, alleine ohne Handy, ohne alles.
Danach hatten sie die Aufgabe, etwas für sie Wichtiges aus dieser Erfahrung in Ton zu formen. Alle waren ganz still. Das war toll. Man merkt dann, da passiert etwas. Sie hatten offenbar wirklich einen Zugang zu sich selbst. Gerade heutzutage ist es so wichtig, dass man wirklich ins Innere schauen und daraus eine Form gestalten kann, die dann sogar auf dem Tisch liegt und um die man drum herumgehen kann.
Toll sind auch dynamischere Übungen, wenn Menschen sich einfach was trauen. Wenn sie kurz über eine Grenze gegangen sind, eine kleine Grenzverschiebung gemacht haben und gemerkt haben, "oh, da bin ich aber doch kompetent" und sich wirksamer erleben. Das sind kleine Momente, die z.B. in einem prozesshaften Malprozess entstehen, jemand leuchtet irgendwie anders oder steht plötzlich anders im Raum.
Großartig zu spüren, wie wertvoll eine echte Pause ist. Und wie wirksam es ist, die eigenen Grenzen spielerisch zu überschreiten. Wie können die Teilnehmer:innen diese Erfahrungen zum Beispiel für das Lernen während der Weiterbildung gebrauchen?
Die Pause ist ein gutes Beispiel. Wenn ich mir das in der Übung erlaubt habe, dann ist das eine ganz starke Anregung, auch für das tägliche Leben. Das sollte man besten sofort am gleichen Tag umsetzen: Gehe ich im Anschluss an den Kurstag sofort wieder lernen, wenn der Hammer fällt um 17:00 Uhr, weil ich noch mich vorbereiten will? Oder gehe ich raus und resette mich, lasse die Erfahrungen wirken und tanke meine Kraft auf?
Und wie überträgt man die Erfahrung die praktische Arbeit als Führungskraft?
Das Beste ist, wenn die Erinnerung an so eine Situation schon da ist und man weiß, „Ah! Ich hab Optionen“. Zwar kann man nicht in jeder Situation auf einmal sagen, "so, ich brauch jetzt mal Pause." Aber man muss nicht gleich losrennen. Man kann einfach sagen: "So, stopp mal eben."
Im Kunstmodul machen wir mit den Teilnehmer:innen ein Ballspiel, da erhöht sich schrittweise die Wurffrequenz. Man hat ein:en Partner:in, mit dem oder man interagieren muss, und im Raum ist auch ganz viel los. Der oder die andere muss den Ball auch kriegen. Und auf einmal hat man zehn Bälle auf einmal bekommen und fragt sich: Was mache ich denn jetzt damit? Einige werfen und werfen, fangen auf und beeilen sich immer mehr. Und jemand anderes arbeitet einen nach dem anderen ab. Und dann in der Filiale, in der es rund geht, denken sie vielleicht an die Situation mit den Bällen. Und können sich erinnern, ich kann die Bälle auch einfach mal runterlegen und nach und nach abarbeiten. Das ist so ein Aspekt, der hinter den Übungen steckt. Und es funktioniert, weil es eine echte Erfahrung ist und nichts, worüber man nur gesprochen hat. In der Fachsprache sagen wir, "es ist inkorporiert", also es lagert sich im Körper ab und ist auch immer wieder abrufbar.
Denkst du, es gibt auch Grenzen? Was kann künstlerische Prozessbegleitung und was kann (und soll) sie vielleicht nicht?
Alle Themen, bei denen es um Interaktion geht, um Kommunikation, also grundsätzlich um zwischenmenschliche Themen, aber auch um Handeln in Unsicherheit und um einen guten Umgang mit komplexen Situationen, kann man mit künstlerischen Mitteln gut bearbeiten. Das sind oft Themen, für die es kein Handbuch gibt,
Und klar gibt es 'Gefahrzonen'. Wir arbeiten zum Beispiel nicht therapeutisch. Das ist nicht unser Bereich, dafür gibt es die Kunsttherapie. Bei der Künstlerischen Prozessbegleitung geht es ganz klar darum, Selbstwirksamkeitsprozesse anzuregen, produktiv mit den Herausforderungen umzugehen und den eigenen Möglichkeitsraum kennenzulernen und hoffentlich auch zu erweitern.
Wenn du zum Beispiel ein Team in einem Unternehmen begleitest, welche Erkenntnisse sind möglich, die hinter Worten manchmal unauffindbar bleiben?
Ich würde immer sagen: Es muss nichts passieren, es kann passieren. Wir eröffnen einen Raum, in dem etwas möglich wird. Künstlerische Prozessbegleitung ist kein Wundermittel, das alles leisten kann. Es ist keine Magie oder Zauberei. Meistens wird etwas sichtbar, und allein dadurch hat man dann eine andere Grundlage, um zu sprechen. Und künstlerisches Arbeiten bietet die Möglichkeit, dass sich etwas ereignet, was man nicht erwartet hatte. Es ist toll, wenn neue Möglichkeitsräume oder kleine Handlungsverschiebungen entstehen. Weil ich gerade etwas gemacht habe und ich dachte aber vorher, ich kann es nicht. Und man kann eben nachher das Erleben, auch die im Künstlerischen oft ungewohnten oder 'anderen' Handlungsweisen im Gegensatz zu dem Repertoire, was ich im Berufsalltag abrufe, analysieren oder rationalisieren und gemeinsam verbalisieren.
Welche Haltung braucht jemand, der Kunst in Beratungsprozessen professionell einsetzen möchte?
Ich glaub, man kann das üben. Es ist eine künstlerische Haltung. Also mit Offenheit umzugehen, mit Unsicherheit auch, und lösungsorientiert zu denken. Ich hab meine eigene künstlerische Haltung während meiner Berufstätigkeit auch immer weiter vertieft. Was ich ganz wichtig finde, ist, dass ich Lust habe, mit Menschen etwas zu machen. Dass man wirklich Lust darauf hat. Das heißt auch, egal wie diese Menschen sind, egal was sie machen, egal was sie nicht machen, egal was sie nicht wollen, egal wie doof oder wie schwer sie was finden. Also wirklich Teilnehmenden-zentriert zu denken, nicht "das fände ich jetzt schön als Ergebnis", sondern zu schauen "ah, was kann und möchte diese Person da vor mir machen? Was braucht sie, damit sie mitgehen kann? Was ist für sie relevant?" Dann muss man sich auch mal ein bisschen anstrengen, um eine gute Idee zu finden, die diesen vielleicht skeptischen Menschen trotzdem einen Einstieg ermöglicht. Das muss ich lieben, mit Menschen in durchaus auch herausfordernde und offene Prozesse zu gehen, in die sie freiwillig mitgehen. Weil, wenn sie sich darauf einlassen, Lust bekommen, weil sie einen kleinen Erfolg hatten und dadurch noch mehr Lust bekommen, weiterzumachen. Und es geht darum, ein Stück weit über die Grenze mitzugehen, damit auch das Vertrauen zur Begleitung gestärkt wird.
Muss man professionelle:r Künstler:in sein?
Man tut sicher gut dran, diese entgrenzenden Prozesse, die Kunst auch haben kann, selbst mitgemacht zu haben. Ich habe selbst 5 Jahre Kunst studiert und das auch nach dem Studium immer weiter betrieben.
Künstlerisches Arbeiten führt an diese Grenzen. Das ist einfach so. Es ist ein selbstkonfrontativer Prozess in der Tiefe. Man muss kein:e professionelle:r Künstler:in sein, aber man muss diese Berührungen und diese Transformationskraft schon mal an sich erlebt haben, würde ich sagen. Sonst ist man auch sofort geplättet, wenn Teilnehmende da etwas Verunsicherndes erleben und dann zumachen. Und man muss umsteuern können, wenn jemand in eine ungünstige Situation kommt. Das muss ich erkennen und muss gegensteuern können.
Ganz zum Schluss: Hast du eine Übung, die unsere Leser:innen gleich mal ausprobieren können? Am besten mit einem kleinen Aha-Effekt?
Klar, gerne. Meine Anregung ist, 2 Farben zu nehmen und sich einer kleinen Herausforderung zu widmen, die einen gerade beschäftigt. Diese Herausforderung mit einer der beiden Farben erstmal visualisieren, und zwar ohne bekannte Symbole. Danach entfernt man sich von der Herausforderung, legt sie beiseite. Man 'dezentriert', steigt aus dem Problem kurz einmal heraus. Mit der zweiten Farbe macht man dann eine Intervention. Man arbeitet einfach mit dem, was man sieht: Was wollen die Farben miteinander? Was kann ich hier in Bewegung setzen oder beruhigen? Das geht mit Wachskreiden ganz gut, oder mit Stiften, die sich vermischen lassen. Dabei entsteht vielleicht eine dritte Farbe. Vielleicht hat man auch Lust, mit der neuen Farbe ganz andere Strukturen zu machen, oder etwas zu umgrenzen oder zu überdecken. Und währenddessen ist man einfach präsent bei dem, was passiert: Was machen die Farben? Was machen sie für Erfahrungen miteinander? Worauf habe ich gerade Lust?
Nach einer Zeit kann man sich dann wieder der Herausforderung widmen und schauen, was bedeutet das, wenn ich zum Beispiel etwas umgrenzt habe? Ist das für das Problem interessant? Was bedeutet es für mein Ausgangsproblem, wenn eine dritte Farbe entstanden ist? Braucht es vielleicht einen Impuls von außen für eine Lösung?
Meist weiß man ganz intuitiv, was für einen relevant und interessant ist, das man daraus mitnehmen möchte. Das ist meine Einladung, das einfach mal auszuprobieren.
Liebe Anne, danke für das Gespräch und den Einblick in die künstlerische Prozessbegleitung.
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Das Interview mit Anne von Hoyningen-Huene führte Katharina Bertulat.
Anne von Hoyningen-Huene studierte Malerei und Lehramt Kunst an der Alanus Hochschule und arbeitet seit 2011 vor allem in der Erwachsenenbildung mit künstlerischen Methoden. Freie Kunstseminare, in denen der Schwerpunkt auf dem Entwickeln des ureigenen künstlerischen Ausdrucks liegt und vor allem die künstlerische Prozessbegleitung, die sie mit Menschen in Unternehmen oder Studierenden seit mehr als einem Jahrzehnt durchführt, sind ihr ein Herzensanliegen. Sie nimmt mit Leidenschaft Menschen in die Kunst mit - als Prozess und Erfahrungsraum, in dem die Teilnehmenden sich persönlich oder als Organisation weiter entwickeln können.

