37 Jahre! Was für eine lange Zeit. Wie hat das alles angefangen 1990 mit der Sommerakademie?
Es hat angefangen vor 1989, denn es gab eine 0. Sommerakademie, mit einem Schulterklopfer von Herrn Kienlin. Ich hatte eine fahrende Werkstatt, mit allem, was man für Specksteinarbeiten braucht. Da kam der Herr Kielin und sagte mit einem Schulterklopfer, „Willst du nicht mal einen Sommerkurs in Bildhauerei geben?“ Und dann hab ich das gemacht und es hat sich über die Zeit immer weiter aufgebaut.
Du bist also die Initiatorin der heutigen Sommerakademie. Was war und ist dein Anliegen?
Ich kam damals auf den Johannishof und spürte irgendwie, ich habe was mit diesem Ort zu tun. Es stimmt, ich stehe da jetzt und sage, ich mache die Sommerakademie. Damals war ich verschüchtert und unsicher. Aber ich habe dafür gesorgt, dass man sich trifft und dass das Dozententeam entsteht. Als mir alle dann immer wieder sagten, ich bin die Leitung, wollte ich das nicht wahrhaben. Ich wollte die Leitung nicht. Aber so im Rückblick, denke ich, habe ich einfach die Fäden gehalten und darauf geachtet, daß keiner abreißt und immer wieder neue geknüpft.
Heute, nach all den Jahren, wirkst du sicher und sehr klar, in dem was du tust.
Ich bin mit der Sommerakademie gewachsen. Mit diesen wunderbaren Menschen wie Dora Seaux, ich weiß nicht, ob du sie kennst. Oder mit Tomek Wendland oder auch Jo Bukowski und Andrea Goost. Das hat mich natürlich geprägt. Und es sind viele Freundschaften daraus entstanden.
In Saus und Paus heißt euer Motto in diesem Jahr. Stell dir vor, Saus und Paus wären zwei Personen, die während der Sommerakademie mit auf dem Hof sind. Wie würdest du die beiden beschreiben und was wäre ihre Aufgabe?
Saus und Paus. Naja, Saus ist der, der aktiv ist, konzentriert arbeitet und der immer eine neue Idee hat. Und Paus ist der, der auf der Hollywood-Schaukel liegt, schaut, träumt und sein Werk aus der Distanz betrachtet. Beide werden gebraucht.
Klingt nach einer wohligen Atmosphäre. Wie es eben so ist auf dem Hof während der Sommerakademie. Wie entsteht euer Motto? Welche Ideen, Inspirationen oder Gedanken spielen da eine Rolle?
Zum Abschluss einer Woche machen Simone und ich mit dem Team der Woche immer eine Konferenz. In dieser Abschlusskonferenz versuchen wir gemeinsam das Thema für die nächste Sommerakademie zu finden. Wir fragen, was denkt ihr, was lebt in den Kursen, was liegt in der Luft? Und dann filtern wir daraus dann das Thema für die nächste Sommerakademie.
Du hast gerade Simone genannt als deine wichtige Partnerin. Was ist anders, seit sie dabei ist?
Simone ist jetzt seit gut 10 Jahren dabei. Seitdem ist es für mich Himmel auf Erden. Wir treffen uns über das ganz Jahr einmal in der Woche und besprechen was ansteht, wägen ab und entscheiden gemeinsam. Es ist so eine unglaubliche Erleichterung. Simone ist jemand, die genau das Gleiche will wie ich. Die ersten 3 Jahre waren wie eine Lernzeit. Sie hat erstmal alles wahrgenommen und dann immer mehr übernommen. Und jetzt fange ich an, dass ich immer mehr abgebe. In drei Jahren möchte ich gerne nur noch beratend sein.
Wer sind neben dir und Simone die anderen Menschen, die für die Sommerakademie stehen. Fee zum Beispiel?
Fee Walber ist als Praktikantin bei uns gelandet. Sie macht fantastische Fotos. Simone hat anfangs auch fotografiert. Aber, sie hat gemerkt, es ist ein eigener Job. Und den Job hat Fee jetzt. Sie ist unsere Fotofee. Sehr cool. Unser Geschäftsführer Hajo Cremer und Janina Hutschenreuter, die viel ehrenamtliche Arbeit investieren und es gibt viele Dozierende, die sich mit Ideen und Herzblut für die Sommerakademie einsetzen.
Wenn die Sommerakademie, meist im Juli oder August, auf dem Johannishof einzieht, fühlt es sich für einen Moment an wie Bullerbü. Überall stehen Blumen und Gießkannen. Eine Tafel für alle Teilnehmerinnen im Hof ist angerichtet und mittendrin steht eine selbst gebaute Hollywoodschaukel. Was steckt hinter diesem sehr besonderen Gestaltungs-Konzept?
Genau. Uns liegt dieser Hof und das Gelände - ich sage jetzt wir, weil das geht Simone genauso wie mir und auch vielen der Dozierenden so - sehr, sehr am Herzen. Es ist unsere Überzeugung, dass es dem Hof und dem Gelände guttut, wenn in diesen 4 Wochen dort Freude und gute Laune und gute Energie ist. Dafür investieren wir viel. Das Schaukelgestell leihe z.B. ich bei einem Zirkusprojekt in Köln. Das ist wie Koffer packen. Wie eine Reisevorbereitung. Diesen Hof zu übernehmen, das nehmen wir sehr ernst.
Schön, wie du das sagst, Reisevorbereitungen... Wie eine Reise in ein bekanntes Land, an einen bekannten Ort. Man weiß, was man einpacken muss.
Genau, du weißt, du musst die Gummistiefel mitnehmen, die Gießkannen und die Pinzette für die Zecken oder was auch immer. Und es ist auch immer noch so, dass auch die Vorbereitung des Hofes ein Fest ist.
Startet die Sommerakademie dann, ist es ein einziges Summen, das durch die Räume zieht. Leicht und schwebend. Es ist eine besondere Atmosphäre. Wie schaffst du es, sie immer wieder zu erzeugen?
Weil wir es lieben. Es ist Lebensqualität pur. Dass dieser Ort uns so empfängt, ist für mich wie Nahrung. Und der Johannishof ist von sich aus schon ein starker Ort mit seinen Zedern, mit seinen Pappeln.
Du schreibst auf der Website „Johannishof – Magic Place“. Das finde ich auch. Was macht den Ort für dich magisch?
Es ist der Ort mit allem, was da lebt. Zum Beispiel, dass André Meißner mit Matthias Fellner das Gelände gestalten. Da ist ganz viel Lebendiges dazugekommen, der Steinkreis z.B. und die Wege. Du kommst dahin und es ist ein besonderer Ort. Weil er z.B. in dieser Höhe liegt und du runterschaust bis ins Tal. Stell dich dahin, wo die beiden Pappeln sind, direkt an der Ecke am Malerhaus. Es ist schön, in so einer Energie zu sein.
Braucht es diesen magischen Johannishof für die Sommerakademie?
Naja, das macht es viel leichter. Natürlich sind die Sommerakademie und der Johannishof zusammengewachsen, es ist wirklich ein Riesengeschenk, dass wir all diese Räume so nutzen dürfen. Auch das leckere Essen und das besondere Gästehaus sind wichtig. Die Türen gehen auf, wenn wir kommen. Das macht alles sehr leicht und unterstützend. Was es auf jeden Fall braucht, ist das Team. Es ist das Herzstück der Sommerakademie. Das ist so entscheidend für die ganze Veranstaltung. Es ist das Team, es ist der Ort und es sind die Teilnehmenden.
Wer nimmt teil an der Sommerakademie? Welche Menschen fühle sich (magisch) angezogen – vom Ort und von der Sommerakademie?
Das Blitzlicht (Newsletter der Sommerakademie) haben ca. 1000 Menschen abonniert. Dazu sind es mittlerweile ca. 3.500 bis 4.000 Teilnehmer in all den Jahren. Bei denen passt alles zusammen. Wenn jemand kommt und sich aufregt, weil das Toilettenpapier leer war und nicht an den Nachbarklotür gucken kann, dann merke ich, der ist bei uns nicht richtig. Ich wollte es früher allen recht machen und das mache ich nicht mehr. Wer fühlt sich magisch angezogen? Wer fühlt sich angezogen von dieser Art zu leben? Es sind die, die das Besondere spüren: diese Mischung aus Festival-Symposiums-Atmosphäre, also ein bisschen was von Campingplatz – mit feinem Gästehaus. Und als Teilnehmerin bin ich auch Teil des Projekts und ich trage es mit. Also ich mache es mit magisch, oder eben nicht.
Eine Frage, die sich in diesen Zeiten, du hast es eben schon mal angedeutet, aufdrängt: Was kann die Sommerakademie - gerade jetzt - auch auf einer gesellschaftlichen Ebene leisten? Und wie gelingt das?
Es geht um Zeugenschaft. Es geht um Authentizität und es geht um ein Wahrnehmen. Dieser Begriff „Zeugenschaft“ ist in den letzten Jahren entstanden. Es ist so wichtig, dass die Teilnehmenden zusammen sind, ihr künstlerisches Tun ernstnehmen, mit professioneler Unterstützung gemeinsam im Kurs wachsen. Und wir haben am Ende immer unseren Rundgang. Man geht durch alle Ateliers nimmt wahr, nicht allein zu sein und man merkt, man hat eine Wirksamkeit. Das, was ich tue, der Strich auf dem Papier, der hat eine Auswirkung.
Gibt es auch eine Wirkung über das Künstlerische hinaus?
Man kann auch nur auf dem Hof sitzen und gucken. Du kannst in einer Hängematte liegen oder du sprichst mit den Leuten. Du kannst da sitzen mit deinem Skizzenbuch und einfach mit keinem reden. Du kannst im Trubel sitzen oder unterm grünen Baum und du weißt, da sind noch andere. Es ist doch urgemütlich, in der Küche auf dem Sofa zu liegen, wenn gewuschelt wird. Und dieser große Tisch im Innenhof ist immer wieder ein Highlight.
Dabei geht es auch bei uns um das Thema Einsamkeit. Ich glaube, da ist einfach ein Bedarf da an Begegnung. Zu wissen: Ich bin nicht allein auch wenn ich gerade still bin.
Eine letzte Frage. Stell dir vor, jemand noch nie von der Sommerakademie gehört hat: Warum sollte er oder sie unbedingt daran teilnehmen?
Sie (oder er) sollte teilnehmen, wenn sie (oder er) Lust hat, sich künstlerisch weiterzuentwickeln und Gleichgesinnte zu treffen und Gemeinschaft zu genießen. Und dann das Herz weit aufmachen und alles einlagern.
Danke, liebe Stefanie für dieses Gespräch. Während der Sommerakademie ist es bei uns auf dem Hof immer ein bisschen anders als sonst. Bullerbü eben. Und das ist wunderbar. Danke, dass du sie – zusammen mit Simone – immer wieder gestaltest.
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Das Interview mit Stefanie Gather führte Katharina Bertulat.
Stefanie Gather ist freischaffende Künstlerin und Bildhauerin. Zudem ist sie Vorstand des Alanus Forum. e.V. und leitet seit deren Beginn 1989 die Sommerakademie und die Winterwerkstatt Alfter.

