1992 hast du dein Studium bei Alanus begonnen. Wie bist du dazu gekommen, Kunst zu studieren?
Ich kam damals gar nicht aus dem Künstlerischen. Ich war auf dem Wirtschaftsgymnasium, habe auch mal ein paar Tage Volkswirtschaftslehre studiert und dann gemerkt, das ist es nicht. Ich wollte dann Architektur studieren, hatte aber zwei linke Hände. Über eine Schreinerlehre in einer kleinen Ökowerkstatt habe ich einen Zugang zu Materialität und Handwerk bekommen. Ich habe angefangen, Baumstämme zu sammeln und aufsägen zu lassen. Es war ein Erlebnis, im Sägewerk einen aufgesägten Zwetschgen- oder Apfelbaum abzuholen und in den Baum reinzuschauen. Das werde ich nie vergessen. Das hat mich damals sehr fasziniert. Zeitgleich entstand auch ein Interesse an Anthroposophie, überhaupt an Spiritualität, verbunden mit einem Bewusstseinswandel. Und das ging einher mit dem Interesse an der Alanus Hochschule, ursprünglich aber für Architektur.
Dein erster Impuls war, an der Alanus Hochschule Architektur zu studieren?
Architektur zu studieren, entstand damals, als ich von Heidelberg vom abgebrochenen Volkswirtschaftsstudium nach Hause gefahren bin. Ich habe mich aufs Sofa gesetzt und ein „Berufe aktuell“-Buch vom Arbeitsamt genommen und blieb bei der Architektur hängen. Architektur, dachte ich, das ist Planung und Konzept, also eher denkerisch, und es ist auch ein bisschen kreativ und künstlerisch. Das könnte es doch eigentlich sein.
Du hast dich dann für die freie Kunst mit dem Schwerpunkt Bildhauerei entschieden. Gab es einen Auslöser?
Das Innen und Außen in Einklang zu bringen und zu mir zu kommen, das waren Ur-Erlebnisse, die bis heute nachwirken. Das war letztlich der Einstieg in die Bildhauerei und die Kunst. Dieser Umschwung kam durch das Erleben, dass ich mit den Händen etwas tun kann und dass es sogar gut wird. Und ich eine große Freude daran habe und daran auch eine ausgeprägte Sinnlichkeit erlebe. Da ging mir einfach das Herz auf.
Hinzu kam damals ein Nullpunkt in meinem Leben, so was wie eine Depression, die biografisch notwendig war, um zu realisieren: Da ist nichts, was Substanz hat, in mir. Und dann das Erlebnis: Ich kann mit meinen Händen Holz formen und daraus etwas gestalten und das in die Qualität bringen. Da fing es an, dass ich dieses Vakuum, das ich in mir hatte, gefüllt habe. Das Studium war vor allem in der Anfangsphase auch ein Auffüllen der Leere in mir, die ich aus meinem bisherigen Leben hatte. Das war der Beginn einer Entwicklung, die bis heute anhält.
In deinem Kurs im Oktober wird es um das Tafelbild gehen. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Erst im Hochmittelalter, in der Spätrenaissance, tauchte die Leinwand auf. Mit der konnte man viel größer und viel leichter arbeiten, das Bild sogar zusammenrollen. Vorher war alles Tafelbild oder sogar Wandbild. Mich interessiert das Tafelbild vor allem, weil ich von der Bildhauerei komme und ich es immer bewundert habe, wie die Malerei es möglich macht, Atmosphärisches und seelische Stimmung durch Farbe und Pinselstrich zu erzeugen. Tafelbild heißt, es ist ein fester Bildträger. In meinem Fall ist das jegliche Art von unbeschichtetem Holzmaterial, von Pressspan über mitteldichte Faserplatte zu Furnierplatten, Tischlerplatten, Multiplex. Es ermöglicht ein länger dauerndes und auch materiell umfangreicheres Bearbeiten und hat dadurch einen gewissen Bild-Objektcharakter.
Inwiefern hat das Tafelbild aus deiner Sicht heute noch eine Bedeutung?
In jeder zeitgenössischen Kunstausstellung, in der ein Querschnitt durch Malerei oder auch Bildhauerei der Zeit gezeigt wird, kann man in der Regel ein Tafelbild finden. Ich benutze den Begriff für alles, was einen festen Bildgrund hat, im Vergleich zu einer Leinwand auf Keilrahmen. Das Tafelbild, so wie ich es gebrauche, hat sicherlich mehr Bezug zur Bildhauerei, auch zum Körper, zum Objekt. Meine Arbeit an sich ist ja schon an der Schnittstelle von Malerei und Bildhauerei. Malerei interessiert mich auch substanziell. Ich mische die Bindemittel selber an und reibe mir das mit Pigmenten an. Ich bin nicht der klassische Maler, sondern komme von den Materialien und von den Arbeitsprozessen.
Was unterscheidet diese Materialien von dem, was man üblicherweise beim Künstlerbedarf kaufen kann?
Wenn ich Farbe selbst anmache, habe ich immer das reine Pigment und das reine Bindemittel und sonst nichts. Das gibt es natürlich auch bei fertig angemachten Farben, wenn man ein bisschen mehr investiert. In meinen Kursen geht es allerdings nicht darum, dass nachher alle sagen: Super, ich mische mir jetzt meine Farben nur noch selber an. Es ist genauso in Ordnung, wenn man durch die Arbeit im Kurs merkt: Das ist mir viel zu aufwendig, dauert mir viel zu lang und mir geht es eigentlich um das Malen.
Für andere ist es aber wie ein Erweckungserlebnis, weil sie merken: „Da ist so eine Reichhaltigkeit, so eine Sinnlichkeit.“ Mir geht es ja selber so: Ich brauche das, um warm zu werden. Und es deckt gleichzeitig mein Bedürfnis zu verstehen, mit was ich arbeite.
Wie ist dein Kurs aufgebaut, beziehungsweise was konkret lernen die Teilnehmer:innen?
Im Wesentlichen ist es ein freies Arbeiten. Es gibt Zugriff auf eine große Palette an Pigmenten und Materialien, auch auf Werkzeuge und Rohstoffe, also Jute, Stoffe, Holzprodukte und ähnliches, um damit alles ausprobieren zu können. Die Teilnehmer:innen lernen historische Materialien kennen, um damit umzugehen und sie anzumischen. Ich erzähle auch etwas dazu, auch kunsthistorisch, aber nicht zu theoretisch. Dann kann man die historischen Substanzen über das praktische Tun erleben und verstehen. Kauft man dann doch die fertige Farbe beim Künstlerbedarf oder die Spachtelmasse im Baumarkt, hat man zumindest einen anderen Zugang dazu oder kann die Zusammensetzung besser verstehen.
Es ist also eine Mischung aus Theorie und Praxis?
Es ist eine gute Mischung aus wenig Theorie und viel Praxis. Dabei ist es immer wahrnehmungsbezogen und sehr sinnlich.
Welche Fähigkeiten sollten die Teilnehmer:innen mitbringen, wenn sie an deinem Kurs teilnehmen?
Es sind keinerlei Vorkenntnisse notwendig. Sie sollten einfach Interesse haben an den Substanzen. Es ist kein reines Malen, bei dem man zu Themen oder Motiven arbeitet oder an eine bestimmte Art zu malen herangeführt wird. Ich versuche, eine reichhaltige und fruchtbare Arbeitsatmosphäre zu schaffen, auch durch ein großes, strukturiertes Angebot an Rohstoffen, Werkzeugen und Pinseln. Zu all dem sage ich auch etwas. Dazu gibt es eine kleine Bibliothek, wenn jemand etwas nachlesen möchte. Aber letztlich ist es ein freies Arbeiten mit einem hohen Maß an Input zu Rezepten und Substanzen.
In Kürze beginnt eine Ausstellung mit deinen Werken bei uns im Werkhaus Foyer. Was wirst du ausstellen?
Es wird eine Mischung sein aus kleinen und ein bisschen größeren Tafelbildern. Farbig, also Malerei mit wirklich Farbe. Auch ein paar ältere Arbeiten sind dabei, die keine Farbe haben. Die Farbigkeit entsteht dann durch Jute, Casein, Schellack etc. Und es gibt ein paar kleinere plastische Arbeiten, wahrscheinlich ältere, die auch eine Caseinstofffassung haben.
Hätte diese Ausstellung einen Titel, wie wäre er?
„substanzbezogen“ oder vielleicht besser „substanziell“. Klein geschrieben.
Das klingt nach einer spannenden Ausstellung. Zum Schluss: Hast du aus deiner langjährigen Erfahrung einen Tipp für die Entwicklung angehender oder auch fortgeschrittener Künstler:innen?
Ich denke, es sind zwei Begriffe, um die es geht: Intensität und Authentizität.
Authentisch kann man vor allem dadurch werden, dass man der eigenen Nase folgt und dass man sich immer wieder neu, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute oder zwischendurch hinsetzt und sich fragt: Zu was habe ich jetzt Lust? Was ist eigentlich jetzt gerade für mich dran? Folge ich einer Vorstellung, bin ich Sklave eines Anspruchs, den ich selbst mittrage? Oder mache ich genau das, was ich jetzt eigentlich machen will?
Vor allem dann, wenn man vor einer kleinen Skulptur sitzt oder vor einer Malerei. Und dann versuchen, in den Moment zu kommen und aus dem heraus zu handeln, ins Tun zu kommen. Das halte ich für unverzichtbar, um authentisch zu werden, authentisch zu sein.
Intensiv und damit wirksam wird man, indem man sich schult. Das heißt, zeitgenössische Kunst und alte Kunst anschauen, in den Austausch mit anderen gehen und natürlich üben. Üben, in einen Arbeitsfluss zu kommen. Es geht um eine Verflüssigung. Das ist das A und O, dass man aus der Statik in die Bewegung kommt, übers Tun. Das ist die Grundlage, um überhaupt vertieft in künstlerische Prozesse einzusteigen.
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Das Interview mit Jens Reichert führte Katharina Bertulat.
Nach einer Schreinerlehre studierte Jens Reichert bildende Kunst, Fachrichtung Bildhauerei, an der Alanus Hochschule. Er hat Lehraufträge für Bildhauerei an der Alanus Hochschule und an der Edith Maryon Kunstschule in Freiburg. Im Oktober 2026 bietet er im Alanus Werkhaus einen Kurs zum Tafelbild und klassischen Materialien an. Jens Reichert lebt als freischaffender Künstler in Alfter bei Bonn.

