„Der Mensch ist ein Entwicklungswesen“ – Im Gespräch mit der Künstlerin Elisabeth Reichegger

Elisabeth Reichegger (rechts im Bild neben Andrea Goost) ist Bildende Künstlerin und Dozentin am Alanus Werkhaus. Wir haben mit ihr über ihre Kunstwerke, Kinaesthetics und unseren Jahreskurs in Plastik und Skulptur gesprochen.

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Du bist in Italien geboren, genauer gesagt, in Südtirol. In Italien hast du auch angefangen zu studieren, später dann bei Alanus. Gab es einen Unterschied von deinem Studium in Italien zum Studium an der Alanus Hochschule?

In Bologna war das Studium in Klassen organisiert, die von einer Professorin betreut wurden. Zum Teil erschienen mir Studienfächer wie zum Beispiel Kunstgeschichte sehr schulisch gestaltet. An der Alanus Hochschule konnten StudentInnen zu dieser Zeit nach einem Grundlagenstudium, das ein Kennenlernen unterschiedlicher Materialien, Techniken und eine Auseinandersetzung mit plastischen Phänomenen beinhaltete ihre eigene künstlerische Arbeit durch die Betreuung von mehreren ProfessorInnen, die zum Teil sehr unterschiedliche Ansätze und Schwerpunkte vertraten ihre eigene Arbeit entwickeln und vertiefen. Wir StudentInnen wurden in unserem künstlerischen Prozess individuell unterstützt und hatten die Möglichkeit mit mehreren ProfessorInnen in den Austausch zu gehen. An der Akademie fühlte sich das Studium in diesem Punkt enger an.

 

Was hat diese Freiheit für dich ermöglicht?

Der Blick richtete sich weniger nach außen, sondern mehr nach innen. Die individuelle künstlerische Entwicklung stand im Fokus.

 

Wie ist deine Liebe zur Kunst entstanden?

Als Kind standen Stifte und Papier stets zur Verfügung, manchmal auch Wasserfarben. Gemeinsam mit meinen zwei Brüdern haben wir als größeres Projekt schonmal den Hintergrund der Krippenlandschaft gestaltet. Da lagen wir zu dritt auf dem Packpapierbogen und zeichneten und malten. Das freie Spiel draußen in der Natur, bot reiche vielfältige Sinneserfahrungen. Durch tasten, sehen, bewegen, hören, riechen durfte ich viele Eindrücke und Erfahrungen sammeln.

Mein Großvater, der Bauer zwar, hat später in seinem Leben wieder angefangen zu malen. Sonntags packte er nachmittags seine Ölfarben aus. Wir Kinder haben ihn da manchmal in seinem Zimmer besucht. Das war das erste Mal, dass ich bewusst einen Künstler bei seiner Arbeit beobachten durfte.

Ich kann mich auch an ein Erlebnis im frühen Jugendalter erinnern: eine Linie legte sich schwungvoll auf das Blatt nieder. Diese Linie unterschied sich von den anderen mir bekannten, sie wollte nicht mehr abzeichnen oder darstellen, sie brachte eine innere, ganz authentische Bewegung zum Ausdruck!

 

Deine Kunst ist eine Komposition von Malerei und Bildhauerei. Und wie ergänzen sich die beiden Disziplinen? Was macht diese Kombination so reizvoll?

Wo Farbe in der Malerei, Linie in der Zeichnung und der Körper- Raumbezug in der Bildhauerei so wesentlich ist, finden für mich in der Installation diese Aspekte zusammen. In der Gestaltung der Installation, gehe ich von meinen Körper- bzw. Bewegungserfahrungen aus und komponiere die einzelnen Elemente aus einem bildhauerischen Verständnis heraus. Die Grenze zwischen Malerei oder Zeichnung und Bildhauerei erweitert sich.

 

Das heißt, bei dir ist die Malerei fast auch ein Stück Bildhauerei.

Wenn ich vor einem Bild stehe und es betrachte, dann kann ich das Bild an sich wahrnehmen und dann zum nächsten Schreiten. Für mich ist es so bedeutend, dass die Umgebung Teil davon wird und dieser Aspekt bewusst gestaltet wird. Das meine ich mit dem bildhauerischen Verständnis. Zudem kann die/der Betrachter:in selbst nochmal mehr Teil des Gefüges werden.

 

Außerdem bist du Kinaesthetics Trainerin. Es geht um die Lehre von der Bewegungsempfindung. Wie fließt Kinaesthetics in deine Arbeit als Künstlerin ein?

Durch die Kinaesthetics Ausbildung habe ich die Bedeutung der Bewegung noch mal mehr verstanden, wie wichtig Bewegung in Bezug auf unsere Wahrnehmungs- und Gestaltungs- bzw. Handlungsfähigkeit, sowohl im Alltag als auch im künstlerischen Gestalten ist.

In der Zeichnung wird die Spur der eigenen Bewegung im Dialog mit Materialen sichtbar. Je nachdem wie stark der Stift geführt, wie fest er gedrückt und wie schnell und entspannt oder angespannt der Stift oder dergleichen über eine Trägerfläche bewegt wird, hinterlässt er eine dementsprechende Spur, die dann einen bestimmten Ausdruck sichtbar macht. Dieser Ausdruck kann bewusst gestaltet werden. Mich interessiert dieses analoge Hinterlassen von sichtbar gewordener Spur- sei es in der Zeichnung oder auch im Arbeiten mit Ton, Stein oder…

 

Du möchtest mit deiner Kunst berühren. Was sollen und dürfen Menschen erleben, wenn sie mit deiner Kunst in Kontakt kommen?

Ich freue mich, wenn jemand zurückmeldet, dass sie oder er eine Veränderung, eine Bewegung in sich bemerkt. Das kann oft sehr subtil sein. Wenn sich Arbeiten auf die Bewegung auswirken und diese dann wahrgenommen wird, dann freue ich mich sehr. Es ist also eine körperliche Wahrnehmung, die angeregt werden kann.

 

Fast was Meditatives?

Ja, schon zum Teil, ja.

 

Du sagtest mal, du würdest deine Arbeiten in stillen Räumen wie Kapellen, Kirchen, Abschiedsräumen sehen. Was können sie dort bewirken?

Meine Arbeiten schreien ja nicht, sie sind meist leise und ich gehe davon aus, dass leise Klänge besser in einer stillen Umgebung wahrgenommen werden können als inmitten von Tumult. Die genannten Räume besuchen Menschen meist in besonderen, außergewöhnlichen Momenten oder Situationen, wo die Sensibilität meist höher ist als im Alltag. Wenn ich selbst entspannt, in Ruhe, mit mehr Zeit da bin, dann kann ich feinere Unterschiede wahrnehmen, die dann wirken können.

 

Können deine Werke auf Menschen eine besondere Wirkung haben, weil sie genau da sind. Zum Beispiel in einem Abschiedsraum?

Ich kann mir vorstellen, dass die Wirkung intensiver sein kann.

 

Können deine Bilder vielleicht auch beruhigen oder trösten oder stärken?

Die Wirkung ist ja immer individuell. Wenn ich mich beim Wahrnehmen von Bildern mit feinen Farbverläufen beobachte, bemerke ich zum Beispiel, dass der Blick sowohl in die Peripherie gleiten als auch sich fokussiert auf einer Stelle halten kann. Ob diese Wahrnehmung zum Beispiel nun beruhigend, Halt gebend oder bewegt wirkt, hängt vom jeweiligen Menschen ab würde ich sagen.

 

Kinästhetik schafft auch eine Verbindung zu Menschen, die krank sind. Würden deine Bilder nicht dann auch gut zum Beispiel in Krankenhäusern und Arztpraxen wirksam sein können?

Im Bozner Krankenhaus ist eines zu sehen. Letztes Jahr gab es vom Südtiroler Künstlerbund ausgehend eine Ausschreibung für KünstlerInnen, die sich mit dem Thema Cura, also Pflege, beschäftigen. Hier wurde auf sehr unterschiedliche Weise eine Verbindung zwischen Kunst und Cura geschaffen. Ein spannendes Forschungsfeld!

 

Im Jahreskurs, in dem du ab April zusammen mit Jens Reichert im Kurs „Ein Jahr für die Kunst – Plastik und Skulptur“ arbeitest, liegt der Fokus auf der Bildhauerei?

Ja. In der Bildhauerei geht es grundlegend um Form, um Materialien, um den Bezug zwischen Körper, Raum und Zeit. Besonders finde ich, dass in der Bildhauerei nochmal mehr und vielfältiger Sinne angesprochen werden, als beispielsweise in der klassischen Malerei.

 

Was ist das Besondere an diesem Jahreskurs „Plastik und Skulptur“?

Der Jahreskurs wird von vier unterschiedlichen Dozent:innen geleitet, die alle einen anderen Schwerpunkt vertreten. Die einzelnen Module bauen aufeinander auf. Nach den ersten grundlegenden Erfahrungen und erworbenen Kenntnissen folgt das zweite Modul, das durch Inspirationen zu bildhauerischen Themen wie Körper, Raum, Zeit und Bewegung immer mehr ein individuelles künstlerisches Arbeiten anregt, welches dann im dritten Modul weiterentwickelt und vertieft wird. Wir bieten dabei einen offenen Raum, um experimentell und forschend Fragen künstlerisch zu bewegen und unterstützen TeilnehmerInnen individuell in ihrem Prozess. Besonders finde ich zudem das Arbeiten und den inspirierenden Austausch in der Gruppe. Auch diese wächst zusammen und nimmt Einfluss auf die Entwicklung jedes Einzelnen.

 

In den nächsten Modulen geht es dann um die Anwendung der Werkstoffe?

Die im ersten Modul vorgestellten und praktisch erprobten Materialien werden mit ungewohnten, „neuen“ Materialien erweitert. Es geht darum sich auf die forschende Suche zu machen, welche Materialien ansprechen und passend für die jeweilige Arbeit und die/der jeweilige Teilnehmer:in sein können, um immer mehr eine eigene künstlerische Sprache zu finden.

 

Neben dir und Jens sind weitere Dozent:innen dabei?

Ja, genau. Im zweiten Modul „Inspiration: Zeit und Bewegung in der Bildhauerei“ gestaltet Amanda Elena Konrad ein Wochenende. Ihr Schwerpunkt ist die experimentelle Fotografie, durch welche verschiedene Aspekte erforscht und beleuchtet werden. Johanna Kintner, die den Jahreskurs mit Andrea Goost schon sehr lange gestaltet hat, begleitet die TeilnehmerInnen in ihrer Individualisierung im dritten Modul.

 

Welche Fähigkeiten, welche Haltung vielleicht, muss oder sollte ich mitbringen, damit ich am Jahreskurs „Plastik und Skulptur“ teilnehmen kann?

Interesse am Forschen und Experimentieren! Freude am Wahrnehmen und Gestalten, Offenheit und Lust auf künstlerische Prozesse!

 

Was nehme ich mit aus eurem Kurs?

Durch das plastische und skulpturale Arbeiten, das Kennenlernen und Untersuchen von Materialien, die Auseinandersetzung mit der Formlehre, das Kennenlernen von unterschiedlichen KünstlerInnen aus der Kunstgeschichte und der zeitgenössischen Kunst, dem Üben und Erlernen der phänomenologischen Betrachtung und den Austausch in der Gruppe werden die Teilnehmenden ihren künstlerischen Weg ein großes Stück weiter gegangen sein.

 

Du bist als Künstlerin schon eine Weile unterwegs. Welche Erfahrung, welche Erkenntnis, welchen Tipp kannst du Menschen für ihr eigenes Schaffen mitgeben? Was bedeutet z.B. Langsamkeit für einen künstlerischen Prozess?

Der Mensch ist ein Entwicklungswesen und ich glaube, dass die Kunst oder das Feld der Kunst ein wunderbarer Raum ist, eben da seine Schritte zu tun, ob langsam oder schnell.

 

Das Interview mit Elisabeth Reichegger führte Katharina Bertulat.

„Das Atelier begreife ich als erweiterten Körperraum, der die Freiheit bietet, ganz eigene Prozesse anzustoßen, Neues zu entdecken und Entwicklung voranzutreiben. In der Zeichnung und Malerei bewege ich bildhauerische Fragen zu Raum- Körper - und Zeitbezügen. Die Faszination gilt der Reduktion und der Wahrnehmung von feinen Unterschieden.“

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Sie möchten mehr über den Jahreskurs in Plastik und Skulptur erfahren? Über diesen Link gelangen Sie zur Kursseite!

 

 

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