Noni heißt wunderschön. Unter diesem Namen hast du zusammen mit einer Kollegin 2005 ein Brautmodelabel entwickelt und geleitet. Nun malst du diese atmosphärischen Bilder. Gibt es eine Verbindung?
Es sind zwei ganz unterschiedliche Welten, aber es gibt verbindende Linien. Beim Entwerfen der Kleider habe ich über viele Jahre mein Auge für Proportionen, Linien und Formen geschult – das begleitet mich bis heute auf der Leinwand. Und bei beiden Arbeiten gilt: Mein Bauch sagt mir, wann ein Werk vollendet ist. Es stellt sich ein tiefes Gefühl von Stimmigkeit und Ruhe ein, auf das ich mich vollkommen verlassen kann.
Was hast du gelernt in dieser Zeit als Geschäftsführerin eines Brautmodelabels und was davon fließt nun in deine Arbeit als Künstlerin ein?
Vor allem mein Verständnis für Marketing, Markenaufbau und Sichtbarkeit. Neben dem Malen selbst gehört das ganz wesentlich dazu: Man kann die wunderbarsten Arbeiten schaffen – wenn sie im Verborgenen bleiben, findet man weder sein Publikum noch den nötigen Erfolg als Künstlerin.
Die Bilder entstehen aus der Stille, schreibst du. Wie schaffst du dir diese Stille in einer Familie mit drei (jugendlichen) Kindern?
Heute habe ich mein eigenes Atelier. Ein echter Rückzugsort, an dem ich die Welt draußen lassen kann. Früher habe ich vor allem gemalt, während die Kinder in der Schule waren. Meine Technik verlangt absolute Hingabe und Ruhe: Ich lasse stark verdünnte Farbe und Wasser durch sanftes Neigen über die Leinwand fliessen oder bewege die Pigmente mit den Händen. Wenn ich einmal in diesem Prozess bin, brauche ich ungestörte Konzentration, da man nur ein gewisses Zeitfenster zur Verfügung hat. Da die Schichten zudem stundenlang trocknen müssen, war das im lebendigen Familienalltag zunehmend schwiergi. Im Atelier kann ich alles andere ausblenden und mich ganz auf den Fluss einlassen.
Deine Bilder erscheinen federleicht. Wie Aquarelle, sie sind es aber nicht. Wie hast du diese einzigartige Technik entwickelt?
Ich habe ursprünglich mit Aquarell begonnen und sah dann Arbeiten, bei denen verdünnte Acrylfarben auf Leinwand verwendet wurden. Mich hat fasziniert, wie die Farben organisch ineinanderfließen. Ich fing an, die Farbe immer weiter zu verdünnen und in hauchdünnen Schichten zu arbeiten. Dadurch schimmert das Darunterliegende transparent hindurch, und es entstehen feine Trocknungsränder, die fast wie topografische Linien wirken. Bis heute ist dieser Prozess ein ständiges Forschen. Ich probiere immer wieder Neues aus und habe das Gefühl, darin noch lange nicht am Ende angekommen zu sein.
Du kommst aus einer Künstlerfamilie, auch dein Vater war Künstler. Wie sehr prägt dich diese Geschichte?
Das hat mich tief geprägt. Die Laufbahn meines Vaters war wirtschaftlich schwierig, und meine Eltern gaben mir mit, dass es für eine Frau essenziell ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Reine Kunst schien mir deshalb lange kein gangbarer Lebensweg; ich hielt die Mode für das solidere Handwerk. Auch wenn mein beruflicher Weg dort geendet hat, bin ich dankbar für alles Gelernte: Ohne das Wissen um Selbstständigkeit und Social Media hätte ich meiner Kunst heute kaum die Reichweite geben können, die sie trägt.
Seit einiger Zeit studierst du Kunsttherapie an der Alanus Hochschule. Wie ist dieser Wunsch entstanden?
Nach dem Ende meines Labels fiel ich in ein tiefes Loch und wusste nicht mehr, wohin mit meinem Leben. Das Malen war damals mein einziger Anker. Es half mir durch die schwerste Zeit meines Lebens. Während einer Eltern-Kind-Kur begegnete ich einer wunderbaren Kunsttherapeutin. In ihren Einheiten fand ich zum ersten Mal wieder behutsam Zugang zu meinen eigenen Gefühlen. Diese Erfahrung hat mich so nachhaltig bewegt, dass der Entschluss, Kunsttherapie zu studieren, noch während der Kur feststand. Parallel zum Studienstart begann ich dann, meine Arbeiten öffentlich zu zeigen und zu verkaufen. Beide Wege ergänzen sich ganz wunderbar und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.
Deine Bilder entstehen beim Lauschen und laden zum Lauschen ein. Was können sie bewirken?
Meine Bilder sind sehr leise und strahlen eine große Ruhe aus. Ich hoffe, dass sich diese Ruhe und Weite auch auf die Menschen überträgt, die mit meinen Arbeiten in ihrem Zuhause leben.
Wie sehr können deine Bilder auch in einem therapeutischen Kontext hilfreich sein?
Ich durfte Elemente meiner Malweise bereits während eines Praktikums in einer kunsttherapeutischen Praxis anwenden. Es war faszinierend zu beobachten, wie Menschen darauf reagieren, wenn Kontrolle abgegeben wird und das Fließenlassen im Vordergrund steht. Das möchte ich künftig noch tiefer erforschen. Zudem schreiben mir regelmäßig Menschen, dass schon das bloße Zuschauen beim Malprozess auf Video eine zutiefst beruhigende, fast meditative Wirkung auf sie hat.
Aktuell gibt es eine Ausstellung von dir bei uns im Foyer. Nach welchen Kriterien hast du die Bilder ausgewählt?
Mir war es wichtig, unterschiedliche Motive und Farbwelten nebeneinanderzustellen. Farben tragen eine unmittelbare Kraft in sich. Wenn wir vor einer Leinwand verweilen, spüren wir diese Schwingung meist direkt.
Wo kann man deine Bilder kaufen?
Über meinen Onlineshop oder bei Interesse per persönlicher Nachricht direkt an mich. Ich übernehme auch Auftragsarbeiten, sofern meine gestalterische Freiheit im Entstehungsprozess gewahrt bleibt.
Im Dezember findet im Werkhaus ein Kurs mit dir statt. Was lernen die Menschen bei dir?
Für ein fertiges Bild brauche ich oft mehrere Wochen. Ein Wochenendkurs kann daher vor allem ein Eintauchen in die Haltung und das Verstehen der Technik sein. Wir bereiten die Leinwände vor und legen die ersten transparenten Schichten an. Im Dezember trocknen die Lagen natürlich besonders langsam. Es wird also auch eine schöne Übung in Geduld und im bewussten Verweilen, was ganz wesentlich zu dieser Malweise gehört.
Eine Krise hat dich zu dem gebracht, was du heute tust. Welchen Tipp kannst du Menschen in Krisen geben? Was kann helfen, sie zu überwinden?
Ich hatte das große Glück, auf Menschen zu treffen, die mich aufgefangen haben. Sie haben mich wunderbar auf meinem schweren Weg begleitet, mich immer wieder getröstet und ermutigt. Mein wichtigster Rat ist: Sich niemals dafür zu schämen, Hilfe zu suchen – professionell wie menschlich – und offen zu bleiben, verschiedene Wege auszuprobieren. Und vor allem: Immer wieder ins eigene Tun kommen. Wenn wir mit den Händen etwas erschaffen, spüren wir wieder Selbstwirksamkeit, wo vorher nur Ohnmacht war. Zu wissen, dass man im Schmerz nicht allein ist, und empathische Begleiter an der Seite zu haben, macht den entscheidenden Unterschied. Neben der klassischen Gesprächstherapie gibt es wunderbare künstlerische oder auch körperorientierte Ansätze, die mir damals unglaublich geholfen haben.
_______
Das Interview mit Johanne Bossmann führte Katharina Bertulat.
Johanne Bossmann arbeitet als freischaffende bildende Künstlerin in Köln und studiert parallel Kunsttherapie an der Alanus Hochschule. Ihre Malerei versteht sie als kontemplative Praxis: Auf transparent grundierter, naturbelassener Leinwand entstehen durch stark verdünnte Acrylfarben lichte, transparente Schichten ganz ohne Pinsel – gesteuert über die Bewegung des Körpers, die Hände und das freie Fließen von Wasser und Pigment. Neben ihrer Atelierarbeit leitet sie internationale Mal-Retreats und Workshops zur prozessorientierten Malerei. Ihre Arbeiten wurden u. a. in Paris, den Niederlanden und im Alanus Werkhaus ausgestellt und befinden sich weltweit in privaten Sammlungen.

