Wie man mit Kunst Einsichten gewinnt – Im Gespräch mit Kathrin Keune

»Es ist eine Ausbildung, die wirklich darauf basiert, dass wir als Menschen künstlerische Wesen sind und dass uns das angeboren ist. Das ist nicht nur ein Geburtsrecht. Sondern auch ein Recht, von dem wir als Menschen Gebrauch machen, um mit dem Leben in Kontakt zu gehen, um uns auszudrücken und herauszufinden, wer wir sind.«  Seit 6 Jahren bietet Kathrin Keune die Weiterbildung »Coachen mit Kunst« im Alanus Werkhaus an. Der Kurs ist fast immer ausgebucht. Kein Wunder, wenn jemand mit so viel Leidenschaft unterrichtet.


Liebe Kathrin, ich erinnere mich noch gut an unser erstes Gespräch hier auf dem Johannishof. Was war für dich der erste Eindruck, als du hier angekommen bist?

Also das erste, was mich total berührt hat, ist, dass dieser Hof, diese Gebäude alle eingebettet sind in die Natur. Das hat mich total inspiriert. Es ist ein schönes Ensemble und es hat mich sehr erinnert daran, wie ich studiert habe, an der Uni in Saas Fee. Das macht etwas mit mir und mit allen, die da sind. Es bringt uns raus aus dem Alltag. Es lässt uns Dinge anders wahrnehmen. Ich verlangsame innerlich und habe irgendwie Platz zum Atmen und Platz zum kreativ sein, wo Inspiration passieren kann.
 

Was macht für dich das Alanus Werkhaus aus, was macht unser Bildungswerk so besonders für dich?

Dass dort Lernen und Entwicklung auf Kreative, auf alternative, auf ganzheitliche, auf moderne Art und Weise möglich ist. Und damit meine ich, es nimmt den ganzen Menschen in Betracht. Mit allem, was er hat, mit Körper, Geist und Seele. Und das ist besonders. Das ist bei anderen Ausbildungsinstituten oder Weiterbildungsinstituten nicht so. Da ist es eher kognitiv ausgerichtet und theoretisch. Das Alanus Werkhaus ist wirklich etwas, was auf allen Ebenen Entwicklung anbietet. Das finde ich total attraktiv.
 

Mit Kunst neue Perspektiven entwickeln – das ist unser Selbstverständnis. Wo findet sich dieses Selbstverständnis, dieser Ansatz in deiner Weiterbildung wieder?

Es findet sich sozusagen im Fundament dessen, was wir da lehren und lernen und miteinander in Erfahrung bringen. Die Ausbildung basiert darauf, dass wir als Menschen künstlerische Wesen sind und dass uns das angeboren ist. Es ist ein Recht, von dem wir als Menschen Gebrauch machen, um mit dem Leben in Kontakt zu gehen, um uns auszudrücken und herauszufinden, wer wir sind. Das tun wir z.B. über Schreiben, über Malen, über Bewegungen, über Lieder, über die orale Tradition von Geschichtenerzählen. In der Coachingausbildung lernen wir, wie wir solche Prozesse nutzen können, um Menschen weiterzuhelfen. Das heißt, es ist eine kunstbasierte Ausbildung, die beibringt, wie wir künstlerisch gestalten und darüber Dinge über uns lernen.
 

Wenn ich mich für diese Weiterbildung interessiere, was sind die Kernelemente, was ist das Wichtigste, was ich bei dir lerne?

In der Weiterbildung »Coachen mit Kunst« lernen wir den Ansatz [mit Kunst zu coachen, Anm. d. Red ] von Grund auf kennen. Wie können wir intermodal, also interdisziplinär mit den unterschiedlichen Kunstformen arbeiten? Der Fokus liegt dabei hauptsächlich auf dem »one to one«, also auf der Einzelsituation, mit einer Klientin, mit einem Klienten.
Wir lernen, wie wir künstlerisches Gestalten aufsetzen müssen, wenn wir Menschen in ihrer Entwicklung zur Seite stehen wollen. Dazu nutzen wir unterschiedliche Kunstdisziplinen, wie z.B. visuelle Kunst, Bewegung und Tanz, Musik und Stimme, Theater und alles, was mit Worten und Poesie zu tun hat. Jemand, der zu mir kommt mit einem Anliegen, der wird also erst mal darin begleitet, dieses Anliegen aufzufächern, zu verstehen, die Fragen dahinter zu klären. Was ist das, was mich da bewegt? 

Dann gehen wir in einen künstlerischen Prozess. Das kann Malen oder auch etwas mit Bewegung sein. Das hängt auch vom Thema ab. Danach analysieren wir, was in diesem Prozess passiert ist. Was ist da für ein Werk entstanden? Und was hat das jetzt zu bedeuten für mein Anliegen? Diesen kompletten Prozess erlernen wir in dieser Ausbildung. Dabei stehen uns alle Kunstformen zur Verfügung. Also ich muss nicht nur mit visueller Kunst arbeiten, ich darf auch mit Tanz oder mit Musik oder mit Theater arbeiten.
 

Kannst du ein Beispiel nennen aus deiner eigenen Arbeit?

Ich habe mal mit einer Ärztin gearbeitet. Eine Oberärztin, die sich gerne in ihrer Karriere weiterentwickeln wollte. Sie hat sich oft nicht getraut, wirklich zu sagen, was sie denkt. Und sie hat sich nicht zugetraut, den Arbeitsplatz zu wechseln, weil sie Angst vor Neuem hatte. Dieses Anliegen, die Angst vor Neuem, haben wir angefangen, künstlerisch zu gestalten. Ich habe sie am Anfang in einen Prozess geführt, in dem sie mit geschlossenen Augen Papier einfach ertastet und erfühlt und ihre Sinne geschärft hat. Denn wenn meine Sinne wach sind und meine Phantasie wach ist, dann fällt mir das kreative Gestalten leicht.

Dann fing sie an, dieses Papier mit ihren Händen in eine Skulptur zu formen, ohne hinzuschauen. Ganz wichtig ist, dass wir nicht versuchen, etwas Schönes zu machen. Die Augen wollen immer was Schönes gestalten. Aber es geht eher darum geht, das entstehen zu lassen, was da gerade entstehen möchte, ohne dass ich kognitiv interveniere. Es kam ein Zauberhut raus, ein magischer Zauberhut. Ganz interessant, ganz schön. Und natürlich wussten wir am Anfang nicht, was es ist und haben uns darüber unterhalten. Sehr lange. Wie war dieser Prozess und wie sieht das denn jetzt aus? Und haben uns dann am Ende auf diesen Zauberhut geeinigt. Mit diesem Zauberhut haben wir über mehrere Wochen gearbeitet. Der kam immer wieder als Metapher und war wie so eine Art Ratgeber.
 

Wie genau hat das funktioniert mit dem Zauberhut als Ratgeber?

Immer wenn sie sich unsicher fühlte in Situationen oder wenn sie merkte, es kommt jetzt etwas Neues auf mich zu, hat sie sich diesen Zauberhut in der Phantasie hervorgeholt und hat ihn befragt. »Zauberhut, was kannst du mir für einen Tipp oder einen Rat geben?«. Der hatte immer irgendwie eine gute Idee. Diese kleinen Dinge im künstlerischen Gestalten sind Metaphern, die uns als Bilder quasi durchs Leben begleiten. Es mag jetzt ein wenig trivial klingen, aber für sie war diese Metapher, der Zauberhut total wichtig, weil er sie mit ihrer eigenen Gestaltungsfähigkeit verband und die Phantasie ihr zu Lösungsansätzen verholfen hat.
 

Man spürt geradezu, dass du mit diesem Ansatz nicht nur arbeitest, sondern ihn lebst. Wie ist diese Leidenschaft bei dir entstanden?

Ich bin ja von Hause aus Musicaldarstellerin und Opernsängerin. Als ich diese Ausbildung gemacht hatte und zwei Jahre performt habe auf der Bühne, habe ich gemerkt: Das jetzt bis ans Ende meines Lebens zu tun, das  ist mir ein bisschen zu flach. Das ist nicht erfüllend genug. Und habe gemerkt, dass ich mit Menschen arbeiten möchte. Ich möchte Menschen irgendwie im Therapeutischen, im Coaching begleiten. Dann bin ich auf dieses Studium in den USA gestoßen, auf dieses Institut. Ich war 25. Ich habe meine erste Karriere so ein bisschen gelebt gehabt und habe gedacht, das klingt gut, ich mach das jetzt mal! 

Je länger ich in diesem Studium war, desto mehr gingen mir die Augen auf und ich habe irgendwann nur noch gedacht: Das ist ja so genial. Je älter ich werde und je länger ich mit diesem Ansatz arbeite, desto spannender finde ich das. Ich bin völlig begeistert davon. Je mehr ich darüber weiß und je mehr ich darüber verstehen kann, desto weiter geht der Horizont. Es ist wirklich grandios.
 

Wenn du nicht gerade nicht in der Weiterbildung »Coachen mit Kunst« unterrichtest, was tust du dann?

Dann arbeite ich vor allem mit Leitungskräften in Unternehmen. Entweder in Einzelcoachings zu Führungs- und Kommunikationsfragen. Oder mit Teams, wo es darum geht, die Organisation weiterzubringen, strategisch auszurichten, in Veränderung zu führen, Führung in einer partizipativen, modernen Art zu etablieren. Ich mache viele Kurse an Unis. Dort arbeite ich mit Wissenschaftler:innen, die ich dabei unterstütze, sich besser zu positionieren und zu platzieren. In Gesprächen zum Beispiel oder auch in Konflikten. Aber auch darin, wie sie sich als Professionelle präsentieren und netzwerken und nach außen dringen. Ich arbeite mit Wissenschaftlern an Unis, mit Professoren, Postdocs und PhD-Studierenden und eben in Unternehmen, meistens auf der Führungsebene. Vor allem in der Sozial- und Gesundheitsbranche.
 

Kommen wir zurück zum Werkhaus. Wo ist für dich der schönste Platz hier am Johannishof?

Es gibt ja diesen Steinkreis, den wahrscheinlich viele benennen. Und neben dem Steinkreis gibt es einen wunderbaren Baum. Er ist nicht so groß und nicht so klein, aber der hat so schöne Äste, die im Sommer mit den Blättern so runterhängen. Unter diesem Baum sitze ich gerne.  Er war auch schon Teil von Kunstwerken, die wir miteinander gestaltet haben. Deshalb hat er irgendwie so eine ganz besondere Stellung. Da sitze ich gerne. Ich habe wirklich das Gefühl, es herrscht hier am Johannishof eine hohe Achtsamkeit, eine hohe Aufmerksamkeit und Sensitivität. Das heißt, ich kann mich zurückziehen, obwohl ich inmitten eines Geschehens bin, und das ist am Werkhaus auf dem Johannishof möglich.
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Kathrin Keune ist Beraterin, Ausdruckskunsttherapeutin und Mezzosopranistin. Sie arbeitet leidenschaftlich gerne mit Menschen und unterstützt sie dabei, mit sich selbst in Kontakt zu treten, sich künstlerisch auszudrücken und herauszufinden, wer sie sind. Weitere Informationen finden Sie unter artsbased solutions.

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