Wie man die Seele durch Handeln ergründet – Im Gespräch mit Alfredo Brizzolaro

„Der rote Faden zeigt sich oft erst, wenn man zurückschaut.“ Wie Grenzen Gestaltungsspielräume schaffen, wann die Methode Psychodrama auch im Business-Kontext funktioniert und wie man aus „Rollenkonserven“ aussteigt, erfahren Sie im Interview mit dem Organisationsentwickler und Psychodrama-Leiter Alfredo Brizzolara.

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„Enge“, so schreibst du, „entsteht nicht nur durch Platzmangel, sondern auch durch menschliche Eingrenzung“. Wo erleben Menschen heute diese Eingrenzung und wie kann die Arbeit als Coach helfen, Grenzen zu öffnen?

Wir alle erleben Begrenzungen in den Systemen und Kontexten, in denen wir leben. Es ist eben nicht immer alles möglich – auch wenn manche Heilsversprechen das suggerieren. Im Coaching geht es für mich darum herauszufinden: Nutze ich die Spielräume, die tatsächlich da sind? Oder sehe ich sie noch nicht – oder traue ich mich nicht?
Das kenne ich auch aus meiner eigenen Biografie. Der Schritt in die Selbstständigkeit wäre für mich nicht möglich gewesen, wenn ich meinen inneren Konflikt nicht vorher geklärt hätte. Einerseits spürte ich den Wunsch nach mehr Gestaltungsspielraum, andererseits die vermeintliche Sicherheit eines festen Jobs. Das war ein längerer Reifungsprozess. Coaching hat mir geholfen, aus meinem Gedankenkarussell auszusteigen und passende Lösungen zu entwickeln. Ich habe mich dann erst nebenberuflich selbstständig gemacht, Vertrauen gewonnen – und irgendwann war die Zeit reif für die Vollselbstständigkeit.

Deine Wurzeln liegen in Italien, aufgewachsen bist du in Wolfsburg, nun lebst du in Köln. Erst warst du Sparkassenkaufmann, dann Lehrer, heute arbeitest du als freischaffender Coach. Das klingt spannend und auch nach viel Entwicklung. Was hat dich befähigt, immer wieder eine neue Fährte aufzunehmen?

Zum einen hat mir Lernen immer Spaß gemacht. Ich bin wirklich gern zur Schule gegangen. Zum anderen hat mich das Thema „Entwicklung“ schon immer fasziniert – bei mir selbst und bei anderen.
Die Sparkassenausbildung war damals eine rein rationale Entscheidung, aber nicht im Einklang mit meinen Motiven. Eigentlich wollte ich Lehrer werden oder Psychologie studieren. Während der Ausbildung habe ich gemerkt: Das ist nicht mein Weg. Also habe ich nach meiner Ausbildung Französisch und Geschichte studiert und mein Referendariat gemacht – eine großartige Zeit.
Mit meiner Fächerkombination gab es damals jedoch kaum Stellen. Durch Zufall bin ich in der Mobilfunkbranche gelandet und habe dort meine erste Führungsfunktion übernommen. Das Thema Führung und Entwicklung hat mich sofort gepackt. Und so ging es Schritt für Schritt weiter.

Es klingt so, als seist du immer einem inneren roten Faden gefolgt?

Ja, aber bewusst wurde mir das erst im Rückblick. Von außen wirkt der Weg vielleicht sprunghaft – vom Referendariat in die Mobilfunkbranche, später in den Medienbereich. Aber in den jeweiligen Stellen  konnte ich meine Motive leben: Menschen begleiten, Entwicklung ermöglichen, Verantwortung übernehmen. Der rote Faden zeigt sich oft erst, wenn man zurückschaut.

Du hast dann an der IHK eine Ausbildung zum Coach gemacht und systemische Organisationsentwicklung gelernt. Was hat dich bewogen, dich zusätzlich als Psychodrama-Leiter zu qualifizieren?

Im Rahmen meiner Coachingausbildung gab es ein Modul zum Psychodrama, und dort habe ich ein eigenes Thema auf die Bühne gebracht – kein leichtes Thema. Die Wirkung war für mich enorm. In diesem Moment habe ich gemerkt: Da steckt etwas drin, das mich wirklich weiterbringt. Ich hatte sofort das Gefühl, „davon will ich mehr verstehen“.
Also bin ich in die Weiterbildung zum Psychodrama-Leiter eingestiegen. Sie war für mich in zweierlei Hinsicht bereichernd: Zum einen durch die Selbsterfahrungsanteile, die mich persönlich weiterentwickelt haben. Zum anderen durch die fachliche Kompetenz, die ich gewonnen habe, um Psychodrama sowohl im Einzelcoaching als auch in der Arbeit mit Gruppen wirksam einzusetzen.

Was kann Psychodrama, was andere Ansätze vielleicht nicht so gut können?

Moreno hat es wunderbar auf den Punkt gebracht: „Die Wahrheit der Seele durch Handeln ergründen.“ Oder auch „Handeln ist heilender als Reden.“
Psychodrama arbeitet mit drei Dimensionen: Raum, Zeit und Wirklichkeitsebene. Der Raum ist die Bühne. Die Zeit ist frei gestaltbar – wir können in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gehen. Die Wirklichkeitsebene beschreibt, welche Art von Realität wir betrachten: subjektiv, sozial, symbolisch oder utopisch.
Klientinnen und Klienten können ihre Themen aus verschiedenen Perspektiven erleben – nicht nur gedanklich, sondern körperlich und emotional. Denken, Fühlen und Handeln werden miteinander verbunden.
Psychodrama ermöglicht Probehandeln: Wie wirkt ein Satz, wenn ich ihn laut ausspreche? Wie fühlt er sich an? Wie klingt er aus der Perspektive des Gegenübers? Was müsste ich verändern, damit er stimmiger wird?
Diese Handlungsorientierung macht Psychodrama so besonders.

Welche Themen kann man mit der Methode Psychodrama bearbeiten?

Psychodrama eignet sich für alles, was Menschen bewegt. Es ermöglicht, die eigene Wirklichkeit und die Wirklichkeit anderer zu erforschen, Zusammenhänge zu verstehen, emotionale Konflikte zu bearbeiten und Spontaneität und Kreativität zu aktivieren.
Psychodrama ist unter anderem ressourcenorientiert, lösungsorientiert und zielorientiert. Weil z.B. neue Rollen und Fähigkeiten entdeckt und neue Verhaltensweisen ausprobiert werden können. Gefühle bekommen Raum, Blockaden können sichtbar werden und man kann innere Bilder und Beziehungen erforschen.

Das heißt, dass Coaches mit dieser Methode für Klientinnen und Klienten den Möglichkeitsraum weiten?

Ja, absolut. Moreno sprach von „Rollenkonserven“ – Verhaltensmustern, die sich bewährt haben, aber irgendwann nicht mehr passen. Psychodrama hilft, aus diesen Konserven auszusteigen und neue Rollen zu entwickeln. Spontaneität und Kreativität sind dabei die Schlüssel.

Wie setzt du psychodramatische Techniken im Einzelcoaching ein – zum Beispiel in Form des Monodramas?

Im Einzelcoaching arbeite ich häufig mit dem Monodrama, also einer Form des Psychodramas, bei der der Klient alle relevanten Rollen selbst übernimmt. Nehmen wir das Beispiel eines schwierigen Mitarbeitergesprächs: Der Klient möchte verstehen, was dort eigentlich passiert ist, und herausfinden, wie er ein Folgegespräch konstruktiv gestalten kann.
Im Monodrama bauen wir die Situation gemeinsam im Raum auf. Der Klient markiert die Positionen der beteiligten Personen – seine eigene, die des Mitarbeitenden, vielleicht auch die eines Vorgesetzten oder einer dritten Instanz. Dann lade ich ihn ein, nacheinander in diese Rollen hineinzuschlüpfen. Er erlebt also nicht nur seine eigene Perspektive, sondern auch die des Gegenübers. Das ist ein großer Unterschied zum rein gedanklichen Perspektivwechsel: Er spürt, wie es sich anfühlt, dort zu stehen, diesen Satz zu hören oder selbst auszusprechen.
Durch dieses szenische Arbeiten wird schnell deutlich, welche Dynamiken im Gespräch gewirkt haben, welche Bedürfnisse oder Emotionen im Raum standen und welche Alternativen möglich gewesen wären. Der Klient kann neue Formulierungen ausprobieren, seine Haltung verändern oder verschiedene Varianten eines Folgegesprächs testen. Es ist ein geschützter Raum für Probehandeln, in dem Denken, Fühlen und Handeln zusammenkommen.
Am Ende entsteht meist eine sehr klare Idee davon, wie der Klient das nächste Gespräch führen möchte – und vor allem: wie es sich für ihn stimmig anfühlt.

Jacob Levy Moreno war auch der erste, der Psychotherapie in Gruppen durchgeführt hat. Eine heute wissenschaftlich fundierte und erprobte Methode, die als sehr erfolgsversprechend gilt. Warum sind Interventionen – egal ob in Therapie oder im Coaching - in Gruppen so wirksam?

Das Entscheidende an dieser Stelle ist: der Einzelne lernt von der Gruppe und die Gruppe vom Einzelnen. Das heißt, die Person, die ein Thema einbringt, steht im Zentrum. Und die anderen in der Gruppe unterstützen, indem sie z.B. in andere Rollen gehen. Aber sie agieren nur so in diesen Rollen als Hilfs-Iche, wie der Themengeber es vorgibt, vorspielt. Das heißt, die themengebende Person bestimmt, wie es auf der Bühne aussieht und was dort passiert.

Du wendest Psychodrama-Methoden auch bei deiner Arbeit mit Führungskräften oder in Organisationen an. Wird das in diesem Kontext nicht zu persönlich oder zu privat?

Es kommt auf den Kontext an. In Führungsseminaren geht es um konkrete Situationen – etwa ein schwieriges Mitarbeitergespräch. Wir arbeiten dann mit psychodramatischen Techniken, aber bleiben bewusst auf der Ebene des beruflichen Handelns. Tiefere persönliche Themen gehören in ein anderes Setting, etwa ins Einzelcoaching oder in Selbsterfahrungsgruppen.

Kann  die Arbeit  mit Psychodrama zu echten Wendungen führen?

Psychodrama kann starke Impulse setzen. Wie diese verarbeitet werden, ist nicht vorhersehbar. Es gibt keine Kausalität im Sinne von: Ich mache A und dann kommt B heraus. Aber Psychodrama erweitert Perspektiven – bei Einzelnen und in Teams. Welche Schlüsse daraus gezogen werden, entscheidet das System selbst.

Es ist ein zusätzlicher Baustein zum Erkenntnisgewinn?

Genau, das ist für mich der entscheidende Punkt. Wir bieten unseren Klientinnen und Klienten einfach noch mal einen anderen Rahmen auf sich und auf Situationen zu schauen.

Das Gegenstück zu Psychodrama ist in der systemischen Systematik die Aufstellungsarbeit. Worin besteht der entscheidende Unterschied?

Im Grunde genommen ist die Aufstellungsarbeit eine Abspaltung aus dem Psychodrama, die bestimmte Elemente des Psychodramas reduziert oder anders organisiert. Das Psychodrama ist umfassender: Bühne, Zeit, Raum, Surplus Reality, Rollentheorie, Soziometrie etc. Aufstellungen sind ein spezifischer methodischer Ausschnitt.

Verschiedene systemische Aufstellungsformen wie die Familienaufstellung oder systemische Strukturaufstellungen haben psychodramatische Wurzeln insbesondere die Aktionssoziometrie und den Rollentausch.

Bei systemischen Aufstellungen steht der/die Themengeberin oft außerhalb und beobachtet die Aufstellung. Die systemische Aufstellung nutzt die repräsentative Wahrnehmung der Stellvertreter:innen, die eigene Impulse liefern und als systemische Informationen interpretiert werden.

Im Psychodrama wird szenisch, spielerisch und handlungsorientiert gearbeitet. Der Protagonist übernimmt selbst die Rollen durch Rollentausch, wobei die Hilfs-Ichs unterstützen, aber sie nicht autonom repräsentieren. Die Impulse kommen aus dem inneren Erleben des Protagonisten.

Gibt es gar keine Resonanz von den Hilfs-Ichs? Das könnte ja auch hilfreich sein für Coachees.

Hilfs-Ichs können ihre Wahrnehmungen, Impulse und Resonanzen einbringen, aber sie tun dies nicht stellvertretend, sondern unter der Regie des Protagonisten und immer im Rahmen der Szene. Der Protagonist kann jederzeit korrigieren, ergänzen oder neu inszenieren. Der Spielphase schließt sich eine Sharing-Runde an. Die Gruppe kann dann eigene Erfahrungen teilen. Da fragt man: Welche eigenen Erfahrungen möchtet ihr teilen, bezogen auf das, was ihr da gesehen habt? Im Anschluss werden die Hilfs-Ichs im Rollenfeedback gefragt: „Wie ging es dir in der Rolle als Mutter,  als Chefin, als Bruder, etc.?  Wie hat sich das für dich in dieser Situation angefühlt? In diesem Schritt können sie ihre Wahrnehmungen teilen, die für die Protagonisten zusätzlich sehr erkenntnisreich sein können.

Man könnte beide Ansätze  - Psychodrama und systemische Aufstellungen - miteinander verbinden?

Systemische Aufstellungen und Psychodrama ergänzen sich auf eine sehr wirkungsvolle Weise. Aufstellungen bieten eine schnelle systemische Übersicht: Muster werden sichtbar, Beziehungen lassen sich diagnostisch betrachten, und Dynamiken zeigen sich oft in wenigen Minuten. Psychodrama hingegen geht tiefer in die emotionale Verarbeitung. Es ermöglicht Rollenentwicklung, Integration und echtes Handlungstraining. 
ombiniert entsteht daraus ein kraftvoller Methodenmix: Die Aufstellung schafft Struktur und Überblick, während das Psychodrama die eigentliche Transformation ermöglicht – indem Menschen neue Rollen ausprobieren, innere Bewegungen erleben und Lösungen wirklich verkörpern können.

Das neue Jahr liegt nun frisch vor uns. Eine neue Seite. Welche gute Frage, welchen guten Tipp kannst du aus deiner Praxis als Coach für das neue Jahr mitgeben.

Wie kann ich vielleicht Grenzen überschreiten oder sie zumindest verschieben?  Als ersten Impuls, der mir da direkt einfällt, ist: „Welche kleine Veränderung könnte, heute schon einen Unterschied machen?“

Danke, lieber Alfredo, für dieses sehr persönliche und informative Gespräch. Ich habe schon lange Lust, mich mit Psychodrama zu beschäftigen. Ich bin jetzt noch neugieriger geworden.

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Das Gespräch mit Alfredo Brizzolara führte Katharina Bertulat.
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Alfredo Brizzolara begleitet seit vielen Jahren als Organisationsentwickler und Führungskräfte-Coach Menschen und Teams in Unternehmen und Organisationen. Er ist ausgebildeter Psychodrama-Leiter und Mitglied im Deutschen Fachverband für Psychodrama e.V. 

Lernen Sie die Grundlagen des Psychodramas anhand von praktischen Übungen und inhaltlichen Impulsen in unserem Kurs "Szenisches Spiel im Coaching" kennen.

Ein Psychodrama-Tool für Ihre Coachingpraxis finden Sie in diesem Text vom Alfreod Brizzolara: Wie ein Zauberladen neue Erkenntnisse bringt 

 

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